Emil Nikolaus von Reznicek - Forschung

Montag, Mai 29, 2017

Rezniceks vermißte Werke

Die musikwissenschaftliche Befassung mit einem Komponisten nimmt idealerweise dessen Gesamtwerk in den Blick. Im Falle Emil Nikolaus von Rezniceks (1860-1945) ist dies derzeit (noch) nicht möglich. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Der zentrale Akt des Komponierens bestand für Reznicek im Einfall. Für ihn zumeist in Form einer konkreten Werkidee, nicht, wie etwa bei Beethoven, eines Motivs oder Themas. Die Umsetzung dieses Einfalls hingegen war für ihn bloße Ausübung des Kompositionshandwerkes, das er am Schreibtisch (nicht am Klavier) vollzog. (Das ist das genaue Gegenteil von Richard Strauss, der ohne Arbeit nicht leben und ein leeres Blatt Notenpapier nicht unbeschrieben zurücklassen konnte). Zumeist schrieb Reznicek ein Particell mit Bleistift, das bereits Instrumentationsvermerke enthielt. (Er hat also den Orchesterklang unmittelbar mitbedacht und nicht Klaviermusik instrumentiert). Danach schrieb er die Partitur. Dabei war er sich so sicher, daß diese Niederschrift sofort mit Tinte erfolgte. Im seltenen Fall nachträglicher Änderungen hat er die Stellen dann sorgsam überklebt.

Diese sehr spezifische Art de Komposition bedingt auch seine Sicht auf das so entstandene Werk. Es ist daher folgerichtig, daß Reznicek niemals in Versuchung kam, eine Opuszählung seiner Werke anzulegen. Und wenn heute aus praktischen Gründen seine Sinfonien und Streichquartette nummeriert werden, so stammen diese Nummern nicht von Reznicek selbst. Dem Stellenwert des Kompositionseinfalles entspricht ebenfalls, daß Reznicek so gut wie nie Kompositionsaufträge angenommen hat. Normalerweise pflegte er ein Werk zu vollenden und dann nach einer Aufführungsgelegenheit Ausschau zu halten. Fand sich diese, so wurde das Werk gespielt und eventuell auch gedruckt. Fand sich diese nicht, legte er das Werk einfach in die Schublade. So blieb denn auch ein verhältnismäßig großer Teil seines Schaffens Manuskript. Hinzu kommt, daß Reznicek über aktuell entstehende Werke nicht zu reden pflegte. Erst wenn er für das fertige Stück Aufführungsmöglichkeiten suchte, finden diese Stücke briefliche Erwähnung.

Dieser Zurückhaltung gegenüber eine Opuszählung entgegen steht eine anderer Wesenszug Rezniceks: Reznicek war von Typ her ein Sammler. Dies zeigt sich am besten daran, daß er, wiewohl erst im Alter von vierzig Jahren beginnend, zu Lebzeiten eine der größten privaten Schmetterlingsammlungen in Europa aufgebaut hat, deren Exemplare zumeist selbst gefangen und mustergültig in Schaukästen aufbewahrt waren. Auch seine erhaltenen Skizzen zeigen, daß er es nicht über sich brachte, auch nur den kleinsten Fetzen Papier zu entsorgen. Dem entspricht, daß sich nur ganz wenige Fälle dokumentieren lassen, in denen er selbst Autographe seiner Werke verschenkt hat. Und auch im Falle von gedruckten Werken bestand er nach Möglichkeit darauf, von den Verlagen die Stichvorlagen zurückzuerhalten. Zeitzeugen berichten überdies, daß er auch die an ihn gerichtete Korrespondenz sorgsam archiviert hätte. - All dies läßt den Schluß zu, daß der allergrößte Teil seiner Werke und Manuskripte in seiner Privatwohnung in Berlin-Charlottenburg eingelagert war. Genau damit beginnen aber die Schwierigkeiten.

Im Herbst 1943 wurden Rezniceks gesamte musikalische Manuskripte durch das Amt Rosenberg beschlagnahmt und zur Sicherstellung vor Bombenangriffen in einem Bergwerk in der Lausitz eingelagert. Diese Aktion wurde offenbar in großer Eile durchgeführt, so daß kein Inventar der requirierten Manuskripte angefertigt wurde. Überliefert ist lediglich, daß achtzig Einheiten (Ordner, Schachteln, gebundene Partituren?) in eine einzige große Holzkiste verpackt wurden, die dann versiegelt und abtransportiert wurde. Am Ende des Krieges fielen diese Bestände in die Hände der Roten Sovjetarmee. 1946 erhielt Rezniceks Tochter, Felicitas von Reznicek, die Kiste zurück, doch war das Siegel erbrochen und nurmehr vierzehn der Schachteln darin enthalten. Da Felicitas nach dem Krieg teilweise unter schwierigen Umständen lebte, scheint sie Teile dieser Manuskripte, ebenso wie die Schmetterlings - und Briefesammlung ihres Vaters veräußert zu haben. Die Restbestände aus der Kiste wurden 1954 bei Bote&Bock eingelagert und in den 1980er Jahren an Gordon Wright als dem Leiter der amerikanischen Reznicek-Society übergeben. Nach dessen Tod sind sie wohl nach Arved/Colorado gelangt, doch scheint die amerikanische Reznicek-Society inzwischen ihre Aktivitäten eingestellt zu haben.

Die restlichen Bestände der 1943 requirierten Manuskripte – oder besser gesagt: das was davon noch übrig war – gelangten 1957 in die Hände der Musikabteilung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Dieser Vorgang ist misteriös und bislang nicht durch Aktenbelege dokumentierbar. Formal handelte es sich um eine Schenkung Felicitas v. R. an die Österreichische Nationalbibliothek. Fest steht aber, daß die Partituren direkt aus Ostzone nach Wien gelangten. Vermutlich hat es einen Deal mit den sovjetischen Besatzungsbehörden gegeben, dergestalt, daß diese die Manuskripte freigaben, wenn diese in einer öffentlichen Bibliothek zugänglich gemacht würden. Die ÖNB hat daraufhin diese Bestände geordnet, und 1960 erschien in Zusammenarbeit mit Felicitas von Reznicek und dem damaligen Direktor der Musikabteilung, Leopold Novak, die bis heute maßgebliche Biographie Rezniceks Gegen den Strom. In späteren Jahren hat Felicitas weitere persönliche Dokumente zum Leben ihres Vaters, die 1943 ja nicht beschlagnahmt worden waren, der ÖNB als Geschenk übergeben, wo sie jetzt einen eigenen Fondo Reznicek bilden. Die ÖNB hat ihrerseits versucht, möglichst viele im internationalen Antiquariatshandel angebotene Reznicek-Manuskripte zu erwerben, so daß sie heute über die wichtigste und größte Sammlung von Reznicek-Autographen verfügt.

Ein Abgleich der Reznicke-Bestände in der ÖNB und der an die Reznicek-Society übergebenen Partituren mit den aus der älteren Literatur und aus der Tagespresse bekannten aufgeführten Werken Rezniceks zeigt indessen, daß diese zurückgegeben Partituren keineswegs alle 1943 requirierten beschlagnahmten Werke umfassen. Damit rücken jene Autographe Rezniceks in den Blickpunkt, die in den letzten Jahrzehnten im internationalen Handel aufgetaucht sind. Teilweise, etwa im Falle des Autographs der Vier Bet- und Bußgesänge läßt sich nachweisen, daß diese 1946 zurückgegeben und von Felicitas weiterveräußert wurden. Im Falle der Tragischen Symphonie läßt sich nachweisen, daß deren Autograph zwar 1943 requiriert wurde, aber definitiv 1946 zurückgegeben wurde und über dunkle Kanäle in den Antiquariatshandel gelangte. Dies läßt die Vermutung zu, daß zwischen 1943 und 1957 Teile der in der Lausitz eingelagerte Manuskripte durch das Personal entwendet und veräußert wurde. Denkbar (aber weniger wahrscheinlich) wäre auch, daß 1957 nicht alle noch vorhandenen Manuskripte nach Wien geschickt wurden und möglicherweise heute noch in irgendwelchen russischen Depots lagern. Jedenfalls besteht so die grundsätzliche Hoffnung, daß die derzeit noch vermissten Werke Rezniceks im Lauf der Jahrzehnte wieder ans Licht der Öffentlichkeit gelangen und aufgeführt werden könnten.

Auch wenn also derzeit einige bekannte Werke Rezniceks als vermißt gelten müssen, so lassen sich diese doch in einem Werkkatalog erfassen. Die eigentliche Schwierigkeit besteht jedoch in der Möglichkeit, daß Reznicek auch Werke skizziert oder komponiert haben könnte, die nicht aufgeführt und/oder auch nicht brieflich erwähnt wurden. Dafür kämen insbesondere drei Perioden seines Lebens in Frage:

1. Jugendwerke (1874-1881): Reznicek hat laut eigenen Angaben in seinen 1941 geschriebe­nen (unveröffentlichten) Memoiren ab etwa 1872 angefangen zu komponieren. Während seiner Gymnasialzeit in Marburg an der Drau (1876-78) wurden sogar einige seiner Werke bei Schulabschlußfeiern öffentlich aufgeführt. Ebenso muß er während des Unterrichtes bei Wilhelm Mayer (1878-1881) etliche Kompositionen angefertigt haben, von denen allerdings nichts erhalten ist. Das gilt auch für Studienhefte bei Mayer, die er gewiß ebenso wie Busoni oder Weingarnter geführt hat. (Deren Studiendokumente haben sich erhalten). Für solche Werke wäre denkbar, daß er Autographe oder Abschriften an Jugendfreunde verschenkt hat, die sich noch heute im Familienbesitz (vor allem Großraum Graz oder Untersteiermark [Marburg/Windisch Feistritz]) befinden könnten.
2. Aus Rezniceks Zeit als Kapellmeister des 88sten K&K Infanterieregiments in Prag (Februar 1890 – Juni 1892) haben sich einige wenige Kompositionen für Militärmusik erhalten. Einige andere sind durch Erwähnungen in Konzertprogrammen bekannt. Das dürfte aber nur ein kleiner Teil der tatsächlich verfaßten Kompositionen sein, zumal wenn man berücksichtigt, daß er in dieser Funktion wohl auch zahlreiche Arrangements fremder Kompositionen angefertigt haben dürfte. Da dieses Regiment bis Ende 1918 immer in Prag stationiert war, wäre denkbar, daß dessen Notenbestände nach dem Krieg von einer Militärkapelle der neu formierten tschechischen Armee übernommen wurden. Darüber scheint es aber bislang keine Forschungen zu geben.
3. Am Ende seiner Memoiren von 1941 deutet Reznicek an, daß er sich mit dem Gedanken trage, noch einmal ein größeres Werk in Angriff zu nehmen, das sein Schwanengesang werden solle. Gesundheitlich war er bis zu seinem Schlaganfall an Heiligabend 1943 durchaus in der Lage, zu komponieren. Für einen raschen Arbeiter, wie Reznicek, eigentlich eine lange Zeit. Und tatsächlich haben sich auch zwei kleinere Kompositionen erhalten, die Anfang 1943 entstanden sind. Allerdings war in dieser späten Phase des Krieges an Aufführungsmöglichkeiten nicht zu denken. Zudem bedingte die wachsende Papier­knappheit jener Jahre auch, daß Reznicek nurmehr sehr eingeschränkt korrespondierte. Demnach wäre sehr wohl denkbar, daß im Herbst 1943 auch Werke requiriert wurden, die seit Herbst 1941 entstanden sein könnten.

Diese Präliminarien voraus geschickt, läßt sich eine Liste derzeit nachweislich verschollener Werke Rezniceks erstellen:

Hexenszene (Macbeth) (Marburg 1878)
Chor zur Schulabschlußfeier an Gymnasium (Marurg 1878)
Klavierstück Letzte Gedanken eines Selbstmörders (Graz 1878-81)
Studiensinfonie (Graz 1878-81)
Requiem (Graz 1878-81)
Zwei Studiensinfonien (Leipzig 1881-83)
Satanella (Oper) (Prag 1888) – Partitur vermißt, (KA erhalten)
Emerich Fortunat (Prag 1889) – KA vermißt, Partitur teilweise erhalten. (Es fehlt darin die Einleitung und Ballettmusik aus dem 2. Akt.)
Sinfonische Suite Nr. 1 e-moll (Leizig 1882) – Bearbeitung für Militärorchester (Prag 1890)
Probszt-Marsch (Prag 1890) für Militärorchester. Partitur vermißt; (KA erhalten)
Der Jasminzweig (Prag 1891) chinesische Originalmelodie arrangiert für Militär­orchester
Ballettmusik aus der Oper Emmerich Fortunat (Prag 1889) – Bearbeitung für Militär­orchester (Prag 1892)
Requiem d-moll zur Erinnerung an Franz Schmeykal (Prag 1894)
Donna Diana (Oper) (Prag 1894) – Autographe Partitur (in Prachtleder gebunden) vermißt
Messe F-dur zum 50sten Thronjubiläum Kaiser Franz-Josephs (Prag 1899)
Der Bärentöter. Komische Oper nach Scribe [Reznicek/E.v.Wolzogen] (Berlin 1904)
Introduction und Valse Capriccio D-Dur für Violine und Orchester (Berlin 1906) – vermißt: Partitur und Solostimme; (Orchesterstimmen erhalten)
Bearbeitung von C. Ph. E. Bach Konzert für zwei Klavier und Orchester Es-Dur (Wq. 46 [1788]) (Berlin 1909)
Die Angst vor der Ehe. Operette [E. Urban, L. Taufstein], Frankfurt/O. 1913 – Partitur vermißt; (KA erhalten)
Kapellmeister Kreisler / Kreislers Eckzimmer – Schauspielmusik, Berlin 1922/23 –Partitur vermißt; ( Potpourrri für Klavier erhalten)
Raskolnikoff – Ouvertüre II, Berlin 1926
Till Eulenspiegel – Volksoper in zwei Teilen (Neufassung), Berlin 1934
Hoch lebe Nikisch der Große – Kanon, Berlin ca. 1920
Wiener Lied - für Maria Ivogün, Berlin ca. 1930

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von Werken Rezniceks, die zwar im Druck erschienenen, deren zu Grunde liegende Autographe aber derzeit nicht auffindbar sind. Dabei handelt es sich um folgende Kompositionen:

4 Klavierstücke (1880)
Streichquartett c-moll (1880)
1. Sinfonische Suite e-moll (1881)
2 Phantasiestücke für Klavier (1881)
3 Stimmungen (Lieder) (1883)
Grünne-Marsch - Militärorchester (1891)
Probst-Marsch – Militärorchester (1891)
Donna Diana (Oper) (1894)
Eine Lustspielouvertüre (1895)
3 Melodies (1897)
Nachtsück Fis-Dur Vcl, Pf oder kleines Orchester(1905)
3 Gesänge eines Vagabunden (1904)
3 Gedichte (1904)
3 Wunderhorn-Lieder (1904)
3 Gedichte (1905)
3 Lieder (1905)
Schlemihl (1911)
Die Angst vor der Ehe (Operette) (1912)
Der Sieger (1913)
In memoriam für Soli, Chor, Orgel und Streichorchester (1915)
Praeludium und Fuge c-moll für Orgel (1918)
3 Lieder (1918)
Vater unser – Choralfantasie (1919)
Praeludium und Fuge cis-moll für Orgel (1921)
Die Schiffbrüchigen – Lied (1923)
Für unsere Kleinen – Klaivertrio (1923)
7 deutsche Volkslieder für Chor (1924)
Madonna am Rhein – Lied (1924)
Vier sinfonische Tänze für Klavier (1925)
Orgelphantasie Kommt Menschenkinder rühmt und preist (1930)
Der Gondoliere des Dogen (Oper) (1931)
Karneval-Suite für Orchetser (1935/41)
7 deutsche Volkslieder für Chor (2. Folge) (1935)
7 Lieder (1939)
Wächter-Lied (1939)


Sofern sich Fragen oder Hinweise zu diesen verschollenen Werken oder auch weiteren unbekannten Werken oder Werkskizzen ergeben, nimmt diese das Reznicek-Archiv (Wedemark) (info@vonreznicek.de) dankbar entgegen.

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Dienstag, Mai 23, 2017

Die Metamorphosen der Donna Diana

In den einschlägigen Lexika oder Programmheften wird Emil Nikolaus von Reznicek (1860-1945) meist durch Photos seiner späten Jahre abgebildet, die einen gütig lächelnden, altersweisen Gentleman zeigen. Das verdeckt ein wenig, daß Reznicek in seinen jungen Jahren gelegentlich ein rechter Heißsporn sein konnte. So beispielsweise am Mittwoch, den 1. Juni 1892, als er in seiner Eigenschaft als Militärkapellmeister des 88sten K&K Infanterieregiment beim Sommerfest der Deutschen in Heines Theatergarten in Königliche Weinberge ein Freiluftkonzert dirigieren wollte. Gerade als er den Taktstock hob, sah er, daß ein angetrunkener Corps-Student seine Frau belästigte: kurzerhand sprang er vom Rostrum, zog seinen (ungeschliffenen) Degen, drehte diesen um und hieb den Knauf auf den Kopf des Belästigers. Das Ergebnis war ein Platzwunde, ein Polizeieinsatz, eine Verurteilung zu zehn Gulden Strafe wegen Körperverletzung, (die Reznicek 1904 bezahlte), ein Duell, (das Reznicek gewann) und seine fristlose Entlassung als Militärkapellmeister. Unglücklicherweise war der Coprs-Student Tscheche, und da gerade in jener Zeit die ethnischen Spannungen zwischen Tschechen und Deutschen zunahmen (Prag wurde kurze Zeit später sogar unter Kriegsrecht gestellt), konnte das Regiment gar nicht anders, als seinen Kapellmeister umgehend zu entlassen. Wahrscheinlich muß man dem unbekannten Studenten sogar dankbar sein: gut möglich, daß Reznicek ohne diesen Vorfall wie schon sein Großvater Josef Resnitscheck (1787-1848) auf Dauer die lukrative Stelle eines Militärkapellmeisters bekleidet hätte. So aber griff er, auf neue Zivilkleider wartend, zu einem Heftchen mit Augustin Moretos (1618-1669) Lustspiel El desdén, con el desdén in der deutschen Bearbeitung von Carl August West (= Joseph Schreyvogel) und machte daraus seine Donna Diana oder Stolz und Liebe, die am 16. Dezember 1894 im Deutschen Theater in Prag ihre Uraufführung erlebte.

Dies ist in kurzen Worten die Entstehungsgeschichte, wie sie Reznicek selbst in seinen unveröffentlichten Memoiren von 1941 dargestellt hat. Ein Blick in den inzwischen zugängliche gewordenen Briefwechsel Rezniceks mit Felix Mottl in Karlsruhe bestätigt den Entstehungs­zeitraum, läßt aber zusätzlich erkennen, daß Reznicek bei dieser Gelegenheit regelrecht in einen Schaffensrausch verfallen sein muß. Jedenfalls schrieb er, nachdem er das Libretto vollendet hatte, die Musik direkt in Partitur (und nicht, wie sonst bei ihm üblich zunächst als Particell). Diese Partitur war bereits Ende 1892 fertiggestellt und Reznicek sandte das Werk zu Mottl nach Karlsruhe. (Mottl hatte sich schon 1888 Rezinceks zweite Oper Satanella zur Ansicht kommen lassen). Mottl erkannte sofort die Qualität des Werkes, aber auch, daß die Partie der Diana in idealer Weise für seine Frau geeignet wäre, die ebenfalls am Hoftheater in Karlsruhe engagiert war. Und so nahm er das Werk für die Saison 1894/95 an. Danach machte Reznicek sich daran, den Klavierauszug zu erstellen, wobei er nebenbei noch das Floretta-Lied in die Partitur einfügte.

Erst jetzt begann auch Angelo Neumann, der Intendant des Prager Deutschen Theaters sich für Werk zu interessieren und sicherte sich die zweite Inszenierung für sein Haus. Die internen Terminplanung der beiden Häuser bewirkte dann aber, daß die Premiere im Dezember 1894 doch in Prag erfolgte und Karlsruhe erst an Ostern 1895 die zweite Inszenierung herausbrachte. Es ist also nicht so, daß Neumann, wie vielfach in der Literatur kolportiert, Auftraggeber für Rezniceks vierte Oper gewesen wäre. Gleichwohl hat er seinen Verdienst am Erfolg des Werkes: es war Neumann, der darauf bestand, daß die Oper eine Ouvertüre erhalten müsse. Reznicek selbst hatte in gut wagner'scher Manier ursprünglich nur ein kurzes Vorspiel vorgesehen. Auf Neumanns Drängen entwarf er, wie er selbst schildert, auf dem Sofa liegend und eine Zigarre rauchend in fünf Minuten die Ouvertüre zu Donna Diana. (Für Reznicek war der Einfall der Werkidee der zentrale Akt einer Komposition; die Ausarbeitung der Idee am Schreibtisch [nicht am Klavier] nurmehr Kompositionshandwerk). Diese wurde der Partitur vorangestellt, beim Aufgehen des Vorhanges erklingt dann das kurze Vorspiel, was dramaturgisch eigentlich Unsinn ist. Zudem existiert eine gewisse Diskrepanz zwischen der mozart'schen Heiterkeit der Ouvertüre und der folgenden Opernmusik, die bei aller Komik doch noch immer zahlreiche wagner'sche Wendungen enthält. Tatsächlich war Reznicek selbst in seinen drei vorhergehenden Oper (Jungfrau von Orleans 1887; Satanella 1888; Emerich Fortunat 1889) noch ganz im Banne Wagners verblieben. Mit der Donna Diana begann er aus dessen Schatten herauszutreten Es ist dies also der Moment, in dem die Wagner-Imitation in eigenständige Wagner-Rezeption umschlägt im Sinne eines Über-Wagner-hinaus-Denkens. Damit hat die Donna Diana einen ähnlichen historischen Stellenwert, wie die etwa gleichzeitig entstanden Opern Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdink oder Saint Foix von Hans Sommer.

Reznicek selbst lebte in den Monaten nach seiner Entlassung beim Militär als Privatier in Prag. Nach der Annahme der Donna Diana erhielt er jedoch Unterstützung durch die Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen, die ihm den Auftrag zur Komposition eines Requiem zum Andenken an den jüngst verstorbenen Führers der Deutsch-Böhmen, Franz Schmeykal (1825-1894), erteilte. Dieses (heute verschollene) Werk wurde am 19. November 1894 am Deutschen Landestheater uraufgeführt. Der große Erfolg dieses Werkes beförderte die hohen Erwartungen, die man mit der bevorstehenden Premiere der Oper verknüpfte. Die Prager Uraufführung der Donna Diana hat diese Erwartungen denn auch erfüllt, wie ein Blick in die deutschsprachige Tagespresse zeigt. Vielfach wird die neue Oper mit umfänglichen Korrespondenzberichten gewürdigt. Aber auch biographisch brachte die Donna Diana einen Wendepunkt in Rezniceks Leben: von Hans von Bronsart erhielt er die Einladung, sich in Weimar um die Nachfolge Eduard Lassens zu bewerben. Im Februar 1895 übersiedelte Reznicek darum mit seiner Familie nach sieben Jahren von Prag nach Weimar. Von dort aus besuchte er Ostern 1895 die Karlsruher Premiere seiner Oper, die zum eigentlichen Durchbruch des Werkes führte.

Wenn man von der Rezeption der Donna Diana spricht, so gilt es sich bewußt zu machen, daß die Rezeption der kompletten Oper und die der Ouvertüre von Anfang an vollkommen verschiedene Wege gingen. Noch vor der Karlsruher Aufführung der Oper erreichte die Ouvertüre den Konzertsaal. Schon im Januar 1895 dirigierte Ernst von Schuch die Ouvertüre in Dresden, die dabei umgehend wiederholt werden mußte. Im Februar folgte Felix Weingartner in Berlin. Schließlich bildete sie im Juni 1895 den Glanzpunkt der Tonkünstlerversammlung des ADMV in Braunschweig. Damit war das Stück so ziemlich jedem Dirigenten und Intendanten in Deutschland bekannt. Rasch folgten auch Aufführungen im europäischen Ausland und bereits 1896 die ersten Wiedergaben in den USA. Dort dienten die Anfangstakte in den 1940er Jahren als Jingle einer sehr beliebten Radioserie (Call of the Yukon) und erreichten damit eine ähnliche Bekanntheit, wie in Deutschland durch das Fernsehquiz „Erkennen Sie die Melodie“ in den 1970er und 80er Jahren. Anders die komplette Oper: hier war, wie schon gesagt, die Aufführung durch Mottl in Karlsruhe entscheidend, die den Prager Triumph bestätigte. Mottl hatte im Vorfeld für die Oper beim Schott-Verlag geworben, und Ludwig Strecker hatte sogar die Prager Premiere besucht. Er und Reznicek verhandelten über eine Paketlösung, bei der Schott Requiem und Donna Diana übernehmen sollte. Nach Karlsruhe trat der Leipziger Verlag Schuberth auf den Plan und erhielt den Zuschlag für die Donna Diana, nachdem er dafür einen Vorschuß von 20 000,- Reichsmark geboten hatte. Reznicek zog sich daraufhin aus dem Rennen um die Lassen-Nachfolge zurück und übersiedelte nach Leipzig, um dort den Druck der Donna Diana zu überwachen. Von dort aus bewarb er sich um die Stelle als Hofkapellmeister in Mannheim, die er zum 1. September 1896 antrat. Die Drucklegung der Oper ging rasch voran und bereits die dritte Inszenierung in Leipzig im Dezember 1895 erfolgte aus der gedruckten Partitur. Beim Tonkünstlerfest des ADMV, das im Juni 1896 in Leipzig stattfand, fungierte eine Aufführung der Donna Diana im Beiprogramm,so daß auch hier alle maßgeblichen Musiker das komplette Werk in Ohrenschein nehmen konnten. Tatsächlich hat die Oper in den folgenden Jahren praktisch eine Rundlauf durch alle Bühnen des deutschsprachigen Raums erfahren. Am bedeutendsten war dabei wohl die Inszenierung an der Hofoper in Wien im Herbst 1898, die Gustav Mahler persönlich leitete und für die Reznicek ein erweitertes Finale komponierte. Im Unterschied zur Ouvertüre übersprang die komplette Oper jedoch nicht die Sprachgrenze. Vor allem aber wurde sie kein Repertoirestück: nachdem das Werk einmal inszeniert wurde, erfolgte an den Theatern keine Neuinszenierung mehr. Und so gingen seit etwa 1905 die Aufführungsziffern der Donna Diana kontinuierlich zurück.

Reznicek selbst hatte den in Donna Diana begonnenen Weg kompositorisch fortgesetzt. Dies gilt insbesondere für seinen 1901 wiederum in Karlsruhe durch Felix Mottl uraufgeführten Till Eulenspiegel. Volksoper in zwei Teilen mit einem Nachspiel. Bereits während dessen Komposition hatte Reznicek einem Freund anvertraut: „Jetzt steht endgültig fest, daß ich kein Wagnerianer werde. Leitmotivtechnik und genaustes Beachtung der Psychologie. Sonst nichts von Wagner.“ - Diese Aussage kann auch für die Neubearbeitung der Donna Diana gelten, die im Mai 1908 an der Königlichen Oper unter Ernst von Strauss ihre Uraufführung erlebte und im Dezember 1908 in München wiederholt wurde. In den Text und die Handlung hat Reznicek dabei nicht eingegriffen, wohl aber die Musik gründlich revidiert und vor allem offenkundige Wagnerismen beseitigt. Über weite Strecken hat er auch die Musik gänzlich neu komponiert. Trotzdem konnte die Neubearbeitung sich nicht durchsetzen und so verschwand die Donna Diana von 1910 bis 1933 komplett von der Bühne. Da die zweite Fassung auch niemals im Druck erschien, geriet auch deren Existenz vollkommen in Vergessenheit.

Nun verfügte Reznicek aber auch über eine gewisse Hartnäckigkeit und hat an Themen, die ihm wichtig schienen festgehalten. Dies trifft etwa auf das Thema „Frieden“ zu, das er 1914 in seiner Sinfonischen Dichtung Der Frieden behandelte und das er 1930 in der Kantate Vom ewigen Frieden wieder aufgriff. Ähnliches ist mit der Donna Diana geschehen: Am 11. September 1928 startete Hugo Eckener (1868-1954) mit dem Zeppelin LZ 127 „Graf Zeppelin“ zur spektakulären ersten Passagierfahrt über den Atlantik von Friedrichshafen nach New York. Dies brachte Reznicek auf die Idee zu seiner Oper Benzin. Diese ist eine Mischung von Antiken- und Zeitoper und basiert auf Calderón de la Barcas (1600-1681) Stück Über allem Zauber Liebe (El mayor encanto, amor), das seinerseits eine Dramatisierung der Odysseus-Circe-Episode aus der Odysseia ist. Freilich mit charakteristischen Abänderungen. Reznicek Odysseus kommt nicht per Schiff, sondern per Luftschiff. Die Circe heißt Gladys, ist eine amerikanische Milliardärstochter und ihre Insel liegt im Atlantik. Auch kann sie nicht zaubern sondern nur hypnotisieren. Kaum gelandet entspinnt sich zwischen Ulysses Eisenhardt und Gladys der ewige Zweikampf der Geschlechter, der hier aber ein Happy-end findet: Gladys besteigt den Zeppelin und fliegt mit nach New York. Das ist vom Plot her nichts anderes, als die Geschichte der Donna Diana, nun aber unter den gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen der 1920er Jahren. (Das gilt auch für die Musik: wo in Donna Diana ein Walzer erklingt, ertönt nun eine Jazz-Band). Während aber Reznicek noch mit der Komposition von Benzin beschäftigt war, lndete Eckener seinen nächsten Coup: eine Weltumrundung per Zeppelin von New York nach New York mit nur vier Zwischenlandungen. Finanziert wurde das Unternehmen durch den New Yorker Zeitungsmagnaten Randolph Hearst, dessen Reporter in der Reisekabine saßen und über Funk ihre stimmungsvolle Reportagen in die Re­dak­tionen übermittelten. Dabei zeichnete sich besonders die Journalistin Grace Drummond-Hay aus, die damit als erste Frau den Aufstieg in den Kreis der international anerkannten Spitzenreporter schaffte. Angesichts dieser Entwicklung hätte man die Oper nicht geben können, ohne damit Eckener völlig unberechtigerweise in Verdacht zu bringen. Dieser aber war inzwischen eine nationale Größe geworden und war 1932 sogar als möglicher Kandidat für die Wahl des Reichspräsidenten im Gespräch. Somit wagte kein Intendant, die Oper anzunehmen, und deren Uraufführung kam erst 2010 in Chemnitz zu Stande.

Ein weiterer Grund für die verspätete Uraufführung von Benzin war auch der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. Und diese erfaßte dann auch den Leipziger Schuberth-Verlag, der schließlich von der Universal-Edition in Wien übernommen wurde. Die UE war seit 1916 ohnehin zu Rez­niceks Hauptverlag geworden; nun kam auch noch die Donna Diana in ihr Sortiment. Bald schon findet man in der Korrespondenz zwischen Verlag und Komponist Überlegungen, ob man nicht die Donna Diana irgendwie recyceln könne. 1933 hatte Reznicek dann eine Idee, bei der er auf das Konzept von Benzin zurückgriff: Der Einfall war, die Handlung der Donna Diana aus dem 16. Jahrhundert in die Gegenwart zu verlegen. Aus dem Grafen von Barcelona wurde so der Bürgermeister von Barcelona, aus dem Ritter Don Cesar ein Torrero, aus dem Diener Perin dessen Manager. Nur Donna Diana blieb die Spröde, die sie immer war. Der damalige Oberspielleiter der Staatsoper Berlin, Julius Kapp, besorgte (sehr behutsam) die Einrichtung des Textes, der der originalen Melodie angepaßt wurde. Musikalisch legte Reznicek dabei die zweite Fassung von 1908 zu Grunde. Dabei hat er nur an ganz wenigen Stellen noch einmal in die musikalische Substanz des Werkes eingegriffen; wohl aber hat er das Stück fast in jedem Tat neu instrumentiert. Der ursprünglich schwere wagner'sche Orchestersatz wurde radikal ausgedünnt, so daß die Musik jetzt fast durchweg kammermusikalisch durchhörbar erscheint. Die dritte Fassung der Donna Diana erlebte ihre Vorpremiere am 18. November 1933 in Elberfeld, der am 31. Dezember 1933 die eigentliche Uraufführung an der Berliner Staatsoper unter Erich Kleiber folgte. Da die Fassung von 1908 praktisch in Vergessenheit geraten war und die Kritiker den Klavierauszug von 1895 im Kopf hatten, erschien die Veränderung radikaler, als sie tatsächlich war. Das Werk wurde fast wie eine Neukomposition aufgefaßt, dessen Vorzug eben darin bestünde, daß nunmehr die Oper das Versprechen einlöse, das die Ouvertüre (die in keiner der Fassungen verändert wurde) abgebe. In dieser Form hat die Donna Diana III, denn bis zur Einstellung aller Theatervorstellungen 1944 noch einmal einen Rundlauf über die deutschen Bühnen mit mehr als fünfzig Inszenierungen unternommen.

Dieser neuerlich Erfolg wurde dem Werk dann aber zum Verhängnis: die Material waren bei Kriegsende alle ausgeliehen und gingen mit den Opernhäusern in Flammen auf. Nach dem Krieg verfügte die UE zwar noch über drei Partituren der dritten Fassung, nicht mehr aber über die zugehörigen Aufführungsmateriale. Und da deren neuerliche Herstellung die wirtschaftlichen Möglichkeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit überforderte, wurde bei den wenigen Auffüh­rungen der 1950er und 60er Jahre nolens-volens auf die Fassung von 1894 zurückgegriffen, die natürlich im Umfeld der Nachkriegsavantgarde vollends obsolet erscheinen mußte. Nach 1968 verschwand das Werk dann neuerlich komplett von der Bühne, bis das Opernhaus Kiel 2003 sich an eine (szenisch ziemlich mißglückte) Neuinszenierung machte. Jetzt hat die Staatsoper Prag (das ehemalige Deutsche Theater) eine (glücklicherweise) konzertante Aufführung der ersten Fassung für März 2018 angekündigt. Das Werk kehrt damit zu seinen Ursprüngen zurück. Gleichzeitig plant das Theater Bielefeld für 2018 eine zweite Inszenierung von Benzin. Es bleibt zu hoffen, daß ein mutiger Intendant dieses neu erwachte Interesse an Rezniceks Meisterwerk zum Anlaß nimmt, nun auch einmal die dritte Fassung der Donna Diana von 1932 auf die Bühne zu bringen. Die UE (Wien) und die Editio Reznicek (Wedeark) planen für diesen Fall, das Aufführungsmaterial neu herzustellen.

Copright 2017 by Michael Wittmann


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Donnerstag, Mai 04, 2017

Emil Nikolaus von Rezniceks Hauptwerk "Der Frieden" wiederaufgefunden



„Frieden – Eine Vision für Chor, großes Orchester und Orgel“


Emil Nikolaus von Reznicek hatte einen frühen Erfolg mit seiner Oper Donna Diana (1894), deren Ouvertüre seinen Namen bis heute lebendig hielt. Ähnlich Leos Janacek aber entstand sein Haupt­werk erst nach seinem fünfzigsten Geburtstag, beginnend mit der Tondichtung Schlemihl (1912), die er mit Der Sieger (1913) und Frieden – Eine Vision (1914) zu einer Trilogie erweiterte. Wäh­rend nun aber Schlemihl und Sieger im Druck vorliegen und inzwischen auch auf CD einge­spielt sind, ist der Frieden Manuskript geblieben. Dieses Manuskript galt seit 1941 als vermisst und dürfte während des 2. Weltkrieges vernichtet worden sein, als das Verlagsarchiv von Bote&Bock, in dem es mit den Aufführungsmaterialien eingelagert war, nach aliierten Bombenangriffen in Flam­men aufging. Dem Schreiber dieser Zeilen ist es nun gelungen, in den USA eine vollständige Abschrift ausfindig zu machen. Die Editio princeps des Werkes wird in Kürze im Rahmen der Editio Reznicek (Wedemark) erscheinen.

Zur Entstehung des Werkes schreibt Reznicek 1941 in seinen unveröffentlichten Memoiren: „Es war am 20. Dezember 1913 (ich entsinne mich genau des Tages, weil ich ihn auf der Partitur vermerkt habe), da träumte mir folgendes: Ich war Soldat. Es war nach einer blutigen Schlacht. Ich lag tötlich verwundet unter tausenden von Leidensgefährten auf der Walstatt. Das Ächzen und Stöhnen der nach Hilfe und Wasser Rufenden drang schauerlich durch die Nacht. Von fernher tönten Signale, Trommelschlag und der Geschützdonner der Verfolgung. Wachtfeuer flammten auf und die Hyänen des Schlachtfeldes stürzten sich auf uns wehrlose Opfer. Eine riesenhafte Gestalt zu Pferde, der Krieg, ritt langsam über die Leichen. Ich winde mich in Fieber­delirien. Plötzlich, wie durch einen Zauber, wird es licht um mich herum. Ich bin zu Hause bei den Meinen. Der Friede ist geschlossen und jubelnd strömt das Volk zusammen, um das frohe Ereignis zu feiern. Glocken tönen, aus den Kirchen schallt der feierliche Gesang der Andächtigen und alles vereinigt sich zu einem brausenden Crescendo des Glücks. Plötzlich fühle ich, es war eine Vision, eine Ausgeburt meiner überhitzten Phantasie, es wurde wieder dunkel, ich liege auf dem Schlacht­feld und --- sterbe. - In diesem Moment erwachte ich und am andern Tag begann ich den Entwurf zu meiner symphonischen Dichtung Frieden, die jetzt – soll ich sagen leider – so aktuell geworden ist“.

Wie man Rezniceks Schilderung entnehmen kann, hat er unmittelbar nach dem Traum­erlebnis mit der Komposition begonnen. Die fertige Partitur des Frieden trägt wiederum als Datum den 18. April 1914, so daß der vollständige Kompositionsprozeß von der ersten Idee bis zur fertigen Partitur auf den Zeitraums sich zwischen dem 20. Dezember 1913 und dem 18. April 1914 vollzogen hat. Am 17. Juni 1914 schließlich vermeldet das Prager Tagblatt, daß Rezniceks neues Werk Frieden vom Philharmo­nischen Chor in Berlin für die nächste Saison zur Uraufführung angenommen worden sei. Zehn Tage später ereignete sich das Attentat von Sarajevo, dem am 28. Juli 1914 die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien folgte, mit dem der 1. Weltkrieg seinen Anfang nahm. Selten einmal wurde eine Vision derart schnell von der Realität grausam eingeholt. Angesichts des Kriegsausbruches ist es verwunderlich, daß die Uraufführung des Werkes am 14. Januar 1915 überhaupt stattgefunden hat. (Sie ist denn auch bis heute die einzige Aufführung geblieben). Tatsächlich erfolgte diese als Wohltätigkeitskonzert zu Gunsten österreichisch-unga­rischer Kriegswaisen. Vorangestellt war dem Frieden als Berliner Erstaufführung Anton Bruckners Messe f-moll. Die Reaktion der Kritik auf das neue Werk war zwiespältig, zielte allerdings weniger auf das Werk selbst sondern auf die Zeitumstände seiner Uraufführung. Man empfand das Sujet irgendwie als deplaziert: Zu stark war noch der Nachhall jener Kriegsbegeisterung und des Hurrah-Patriotismus, der den Kriegsausbruch im August 1914 begleitet hatte. Daran änderte sich auch 1919 nichts, als in den Pariser Vororten die Friedensverträge unterzeichnet wurden, denn diese Art von Frieden lehnte man seitens der Besiegten weithin ab. Auch Reznicek selbst scheint keinen Versuch unternommen zu haben, den Frieden ein weiteres mal zur Aufführung zu bringen, wiewohl Der Schlemihl und Der Sieger in jenen Jahren oft in den Konzertprogrammen erschienen. Die mangelnde Attraktivität des Frieden für den Konzertbetrieb bewirkte dann auch, daß Bote&Bock, die schon Schlemihl und Sieger verlegt und auch einen Druck des Frieden angekündigt hatten, dieses Projekt nicht weiter verfolgten und das Werk allmählich in Vergessenheit geriet.

Das Stück ist ähnlich groß besetzt, wie schon der Sieger. Es verlangt vierfache Holz- und Blechbläser, großes Schlagzeug und eine (teilweise solistisch eingesetzte) Orgel. Mit dem angemessenen Streicherapparat kommt man damit in die Dimensionen von Richard Strauss Alpensinfonie, also etwa 130 Spieler. Dazu einen gemischten Chor, der aus Gründen der Balance wohl ebenfalls 80 Sänger umfassen sollte. Die Aufführungsdauer beträgt etwa 25 Minuten. Es ist klar, daß nur wenige Orchester und Institutionen über die Mittel verfügen, ein solches Werk aufzuführen. Der pazifistische Grundcharakter des Werkes dürfte es gleichwohl rechtfertigen, das Stück zu besonderen Anlässen aufs Programm zu setzen.

Text (E. N. von Reznicek)

Friede! Friede! Friede! Holder Friede!
Es läuten die Glocken,
es lächeln die Fluren.
Es leuchtet die Sonne,
der Frieden ist kommen,
der Friede!
Kling, klang, kling, klang, kling, klang!
Haltet fest den Schwur der Treue,
laßt den Krieg nicht mehr herein!
Gegen ihn laßt uns marschieren,
Arbeit soll die Losung sein!
Danket Gott dem Herrn in Liebe,
reicht dem Feind die Freundeshand!
Brüder seien alle Völker,
Krieg auf ewig sei verbannt,
ewig sei der Krieg verbannt!
Väter, Söhne, teure Brüder,
kehrt zurück in unsre Arme!
Bräute trocknet eure Tränen,
Friede ist kommen!
Heil, holder Knabe mit lockigem Haupt,
schwinge die Fahne mit wonniger Hand,
lasse die Glocken ertönen mit
Kling, Klang, Gloria!
Schließt zusammen euch in Liebe,
steht, wenn's gilt, wie Mann an Mann!
Väter, seid wie Brüder einig,
wenn der Hydra Haupt sich reckt!
Wahrt der Menschheit heilig Recht:
den Frieden!
(schreiend)
Laßt uns den Frieden!
Wir wollen Frieden!

Copyright 2017 by Michael Wittmann

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Sonntag, April 30, 2017

Errichtung des Emil Nikolaus von Reznicek - Archivs (Wedemark)

Emil Nikolaus von Reznicek (1860-1945) gehört zu jenen Komponisten, deren Schaffen in der Spätromantik wurzelte, dessen Schaffen aber weit in das 20. Jahrhundert hineinragte. Im Zeichen des Aufbruches der avantgardistischen Musik nach dem zweiten Weltkrieg geriet dieses Schaffen zunehmend in Vergessenheit; erst in den letzten Jahren wird diesem (ähnlich etwa dem Schaffen Alexander Zemlinksys, Walter Braunfels oder Felix Woyrschs) neuerliche Beachtung geschenkt. Der Vernachlässigung der Werke Rezniceks im Musikbetrieb entsprach ebenso eine weitgehende Nichtbeachtung des Komponisten seitens der Musikwissenschaft. Die letzte nenneswerte Arbeit zu diesem Thema ist die Biographie Gegen den Strom, die Rezniceks Tochter Felicitas von Reznicek (1904-1997) im Jahre 1960 veröffentlicht hat und die auf die unveröffentlichten Memoiren zurückgeht, die Reznicek selbst 1941 zu Papier gebracht hat. (Die Veröffentlichung dieser Memoiren wurde seinerzeit durch das Reichsprodagandaministerium untersagt). Diese Biographie von 1960 prägt bis heute das gängige Reznicek-Bild. Damit basieren auch alle gängigen Lexikonartikel oder Programmnotizen auf dieser Darstellung, ohne daß die Entstehungsgeschichte der Veröffentlichung bislang bekannt war. Das hat allerdings Konsequenzen für die Einschätzung dieser Publikation: es ist diese weniger eine wissenschaftliche Arbeit, sondern selbst eine (indirekte) Quelle: Emil Nikolaus von Reznicek war im Jahre 1941 bereits einundachtzig Jahre alt. An manches genaue Datum konnte er sich nicht mehr erinnern. Manches Detail aus seinem Leben wollte er wohl auch nicht direkt preisgeben, sondern allenfalls andeuten. Vieles aber konnte er 1941 nicht aussprechen: z.B. konnte er nicht wiederholen, was er von 1933 offen bekundet hatte, nämlich das der größte künstlerische Eindruck seines Lebens von Gustav Mahler ausgegangen war, oder daß der für ihn ideale Dirigent seiner Werke Artur Nikisch hieß. Es steht also außer Frage, daß die Reznicek-Biographie von 1960 heutigen Anforderungen nicht mehr genügt und nach einem musikwissenschaftlichen Neuansatz verlangt, der einerseits auf eine sehr viel breitere Quellenbasis gestützt sein müßte und andererseits im Blick behält, daß Rezniceks Memoiren von 1941 eine Art der Selbststilisierung unter den spezifischen Bedingungen einer Diktatur darstellen, die ihn zwangen, wesentliche Aussage zu verschweigen. Am Ende wird ein sehr viel komplexeres Bild seiner Persönlichkeit stehen, die eben mehr war, als ein Überbleibsel der operettenhaft-seeligen Donaumonarchie.

Emil Nikolaus von Reznicek setzte in seinem Testament seine Tochter Felicitas als Erbin und Verwalterin seines künstlerischen Nachlasses ein. Diese wiederum übertrug dies Aufgabe ihrem Großneffen und Urenkel Rezniceks Horst Michael Fehrmann (Wedemark). Das wieder erwachte Interesse an dem Schaffen seines Urgroßvaters bewog den jetzigen Nachlaßverwalter 2014, die Editio Reznicek ins Leben zu rufen, die die zahlreichen ungedruckt gebliebenen Werke Rezniceks nach und nach der Öffentlichkeit zugänglich machen will. (Vgl. dazu auch den vorherigen Post). Gleichzeitig wurde mit dem Aufbau eines Reznicek-Archivs begonnen, das sich zur Aufgabe gesetzt hat, möglichst alle verfügbaren Dokumente zu Leben und Werk Emil Nikolaus von Reznicek zu sammeln und künftiger musikwissenschaftlicher Arbeit zur Verfügung zu stellen. Alle interessierten Musikwissenschaftler, aber auch ausübende Künstler sind herzlich eingeladen, sich bei entsprechendem Interesse an dieses Reznicek-Archiv zu wenden. (Kontaktaufnahme über das Kontaktformular der offiziellen Reznicek-Webseite: www.vonreznicek.de).

Die Sammlung von Reznicek-Dokumenten befindet sich, wie gesagt, derzeit noch im Aufbau. Die modernen Recherchemöglichkeiten durch das Internet sowie die zunehmende Digitalisierung von historischen Zeitschriften haben auch schon zur Auffindung von zahlreichen bislang unbekannten Briefen und Zeitungsnotizen geführt, die die Quellenbasis für die kommende Reznicek-Forschung enorm erweitern werden. Eine unbekannte Größe stellen jedoch Briefe und (sehr wahrscheinlich) auch musikalische Manuskripte dar, die sich in Privatbesitz befinden. Es sei darum an dieser Stelle die herzliche Bitte und Einladung an etwaige Besitzer ausgesprochen, sich mit dem Reznicek-Archiv in Verbindung zu setzen und diesem gegebenenfalls eine Kopie solcher Dokumente zur Verfügung zu stellen. Kontakt über: info@vonreznicek.de

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Donnerstag, April 27, 2017

Editio Reznicek (WEDEMARK)

Editio Reznicek

Für Emil Nikolaus von Reznicek war die schöpferische Arbeit an einem Werk mit dessen Niederschrift, bisweilen auch mit dessen Überarbeitung beendet. Schon das Anfertigen eines Klavierauszuges betrachtete er als Strafarbeit. Die Vermarktung seiner Kompositionen war ihm eher eine lästige Pflichtübung. Entsprechend groß ist die Anzahl der Werke, die nicht zum Druck befördert und nur als Manuskript erhalten sind. Die von Rezniceks Urenkel Horst Michael Fehrmann ins Leben gerufene Editio Reznicek (Wedemark) hat es sich zum Ziel gesetzt, diese nachgelassenen Werke für die Öffentlichkeit zu erschließen. Die jeweiligen Editionen werden On-demand hergestellt und vertrieben; die zugehörigen Aufführungsmaterialien sind leihweise erhältlich. (Anfragen an die Editio Reznicek über: michael.fehrmann@gmx.net).


Bisher erschienen (Stand April 2017)

Editio 1000: 2. Streichquartett (1905) [Partitur und Stimmen]

Editio 1001: 4. Streichquartett (1921) (Ursprünglicher Schlußsatz) [Partitur und Stimmen]

Editio 1002: 5. Streichquartett (1930) [Partitur und Stimmen]

Editio 1003: Till Eulenspiegel – Sinfonisches Zwischenspiel in Form einer Ouvertüre (1901) [Partitur und Stimmen]

Editio 1004: Konzertstück für Violine und Orchester (1917) [Partitur und Stimmen]

Editio 1005: Präludium und Fuge c-moll für Orchester (1912) [Partitur und Stimmen]

Editio 1006: Mea culpa (Vorspiel: Das Opfer) für Streichorchester/Streichquintett (1932) [Partitur und Stimmen]

Editio 1007: Suite aus Polizei für Streichorchester/Streichquintett (1926) [Partitur und Stimmen]

Editio 1008: Präludium und Fuge cis-moll für Orchester (1. Fassung 1904) [Partitur und Stimmen]

Editio 1009: Ernster Walzer für Orchester (1925) (Ursprünglich 3. Satz aus Tanzsinfonie) [Partitur und Stimmen]

Editio 1010: Valse pathetique für Orchester (1923) [Partitur und Stimmen]

Editio 1011: Valse pathetique (für Salonorchester) (1923) [Partitur und Stimmen]

Editio 1012: Valse pathetique für Klavier (1923)

Editio 1013: Walzer-Serenade für Klaviertrio (1923) (Ausschnitt aus Valse pathetique) [Partitur und Stimmen]

Editio 1014: Die verlorene Braut (1909): Ouvertüre & Zwischenaktmusik (Walzer-Intermezzo) [Partitur und Stimmen]

Editio 1015: Lied: Wiewohl ich arm und elend bin (Gesang+Klavier)

Editio 1016: Kantate Vom ewigen Frieden (1930) [Partitur und Stimmen]

Editio 1017: Walzer-Suite (Ernster Walzer; Walzer-Zwischenspiel; Valse pathetique) für Orchester [Partitur und Stimmen]

Editio 1018: Festouvertüre Dem befreiten Köln (1926) [Partitur und Stimmen]

Editio 1019: Präludium und Fuge cis-moll für Orchester (2. Version 1907) [Partitur und Stimmen]

Editio 1020: Raskolnikoff-Fantasie I (1926) [Partitur und Stimmen][in Vorbereitung]

Editio 1021: Der Frieden – Eine Vision für Chor, Orgel und Orchester (1913) [Partitur und Stimmen][in Vorbereitung]

Editio 1022: Ruhm und Ewigkeit – 3 Lieder für Tenor und Orchester (1904)[Partitur und Stimmen] [in Vorbereitung]

Editio 1023: 2 Balladen aus fredericianischer Zeit (1912) (Baß und Klavier/Orchester) [Partitur und Stimmen]

Editio 1024: Potpourri aus Kapellmeister Kreisler (1923)(Salonorchester) [Partitur und Stimmen]

Editio 1025: Der rote Sarafan (1891) (Militärorchester) [Partitur und Stimmen]

Editio 1026: Grünne-Marsch (Militärorchester) (1890) [Partitur und Stimmen]

Editio 1027: Probszt-Marsch (Militärorchester) (1891) [in Vorbereitung]

Editio 1028: Preghiera aus Emmerich Fortunat (1892) (Militärorchester) [Partitur und Stimmen]

Editio 1029: Marsch (1915) (Klavier)

Editio 1030: Marsch (Militärorchester) (1915) [Partitur und Stimmen]

Editio 1031: Marsch (Orchester) (1915) [in Vorbereitung]

Editio 1032: 4 Bet- und Bußgesänge für Alt/Bariton und Klavier/Orchester (1913) [Partitur und Stimmen]

Editio 1033: Das goldene Kalb Ballett in drei Akten und einem Nachspiel. Szenario von Viggo Cavling (1934) [Partitur und Stimmen] [in Vorbereitung]

 Editio 1043: Chor - Von rechter Art und Stetigkeit. - Gemischter Chor (und Orgel ad. lib). (1933) [Partitur]





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Montag, September 12, 2016

Emil Nikolaus von Reznicek - Pionier der Polystilistik

Emil Nikolaus von Reznicek (Wien, 4. 5. 1860 – Berlin 3. 8. 1945) gehört zu jene Komponisten, deren eigentliche Bedeutung es erst noch zu entdecken gilt: 

   Rezniceks Großvater war der Militärkapellmeister Josef Resnitschek (1787-1848) der im Wiener Musikleben eine prominente Rolle spielt und oft gemeinsam mit Johann Strauss (Vater) auftrat. Sei Vater war der k&k Feldarschalleutnant Josef von Reznicek, der 1860 in den Freiherrnstand erhoben wurde. Materiell wuchs Emil Nikolaus in gesicherten Verhältnissen auf. Gleichwohl berichtet er von einer schwierigen kindheit: Früh hat er seine Mutter verloren; mit der Stiefmutter kam er nicht zurecht. Schon als Kind entdeckte er die Musik als Zuflucht und begann auch zu komponieren. Kein Geringerer als Johannes Brahms hat ihn darin bestärkt. 

   Nach der Matura studierte er (1878-1881) Jura und Komposition in Graz. Sein Kompositionslehrer war Wilhelm Meyer, der auch der Lehrer von Feruccio Busoni und Felix Weingartner war. Zur Perfektionierung verbrachte er noch ein Studienjahr in Leipzig, wo seine Abschlußarbeit, die Symphonische Suite e-moll 1882 preisgekrönt wurde. Es folgten Kapellmeisterstellen in Graz, Zürich, Stettin, Jena, Bochum, Berlin und Mainz. 1887-1895 lebte er in Prag: Teils als Komponist, teils als Militärkapellmeister. Seine dort 1894 uraufgeführte Oper Donna Diana machte ihn schlagartig bekannt. Sie öffnete auch den Weg zu seinem Engagement als Hofkapellmeister in Mannheim (1896-1899). Nach anfänglichen Erfolgen setzte dort eine Kampagne gegen ihn ein. Sein Verbrechen: er war mit seiner künftigen Frau zusammengezogen, bevor deren Scheidung vollzogen war. Nach der Heirat zog das Paar zunächst nach Wiesbaden, 1902 dann nach Berlin. Die Oper Till Eulenspiegel setzt seine Mannheimer Erfahrungen künstlerisch um. In den Jahren 1907-1912 war er gezwungen, wieder als Dirigent zu arbeiten. Eine Leibrente des Schweizer Bankiers H.C.Bodmer ermöglichte ihm danach als freischaffender Komponist zu leben. Sein Hauptwerk ist denn auch in der Zeit von 1912-1935 entstanden. (Ähnlich wie bei Leos Janacek stellt dieses also ein Alterswerk dar). 

   Der Anbruch des Nationalsozialismus 1933 stellte für ihn ein Problem dar: zum einen hatte er sich in der Weimarer Republik deutlich links positioniert, zum anderen war seine Ehefrau nach damaliger Terminologie eine Halbjüdin. Richard Strauss half seinem Freund, in dem er ihn 1934 zum Deutschen Delegierten des Ständigen Rates für Zusammenarbeit der Komponisten machte. In dieser Eigenschaft plante Reznicek große internationale Musikfeste. Dabei nutzte er seine Spielraum, um in Deutschland auch Komponisten (auch jüdische) aufzuführen, die im normalen Konzertbetrieb schwerlich durchzusetzen gewesen wären. Als der Ständige Rat 1942 gleichgeschaltet wurde, trat Reznicek von dieser Funktion zurück und widmete sich wieder dem Komponieren. Im Herbst 1943 flüchtete er vor den Bombenangriffen auf Berlin nach Baden bei Wien. Dort erlitt er an Heilig Abend 1943 einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Bei wachender Demenz wurde er zum Pflegefall. Anfang 1945 durfte er in seine Berliner Wohnung zurückkehren. Dort ist er im August 1945 an Hungertyphus gestorben.

    Reznicek ist heute vor allem durch die Ouvertüre zu Donna Diana bekannt. Dabei ging die Rezeption der Ouvertüre und der kompletten Oper von Anfang an unterschiedliche Wege. Nach anfänglichen Erfolgen verschwand die Oper nach 1907 für fünfundzwanzig Jahre komplett aus den Spielplänen. Erst die dritte Fassung von 1932 wurde wieder viel gespielt. Wenn Reznicek also in den 1920er Jahren als Komponist in einem Atemzug mit Strauss und Pfitzner genannt wurde, so verdankte sich diese Einschätzung nicht der Donna Diana, sondern den nach 1912 entstandene Werken. Allen voran der Sinfonische Dichtung Der Schlemihl und der Oper Ritter Blaubart. Im historischen Rückblick wird klar: Die Donna Diana gehört ebenso wie die zeitgleich entstandenen Oper Tiefland oder Hänsel und Gretel zu jenen Werken, in den Komponisten über die pure Wagner­imitation hinaus zu einer eigenständigen Wagnerrezeption fanden. Richard Strauss hat dann nach 1900 der Operngeschichte ein ganz eigenes Kapitel zugefügt. Erst mit Palestrina und Ritter Blaubart haben Reznicek und Pfitzner hnach Wahrnehmung der Zeit mit Strauss gleichgezogen. Wenn er also in den 1920er Jahren zu den bedeutendsten deutschen Komponisten der 1860er Generation gezählt wurde, so beruhte diese Einschätzung nicht auf der längst vergessenen Donna Diana, sondern auf den Werken der zweiten Scaffensperiode ab 1911, allen voran dem Ritter Blaubart.

   Tatsächlich hat Reznicek 1921 in einem Brief an Ernst Deczy auch beansprucht, seinen Stil in den letzten Jahren konsequent modernisiert zu haben. Im Gegensatz zu Richard Strauss stand Reznicek der Neuen Musik durchaus offen gegenüber und Alban Bergs Wozzek fand seine aufrichtige Bewunderung. Da Reznicek ein glänzender Instrumentator war, wird er oft in die Nähe von Richard Strauss gerückt. Er selbst hat immer wieder betont, daß der größte künstlerische Eindruck seines Lebens von Gustav Mahler ausgegangen sei. Beiden Komponisten ist gemein, daß sie an der Welt gelitten und diesen Weltschmerz künstlerisch umgesetzt haben. Aber wo Mahler den großen Emotionen freien Lauf lassen konnte, flüchtete sich Reznicek in die Ironie. Nicht die große Geste ist sein Fall, sondern die geistreiche Anspielung, das Aperçu, das Zitat. Seine musikalischen Penaten benennt er 1904 mit der Bemerkung Ich glaube an Bach, Beethoven und Wagner – Amen! Aber Reznicek ist auch ein vorzüglicher Kenner der Volksmusik, der alten (vorbach'ischen Musik), der Tanzmusik und des Jazz. Und wie Gustav Mahler zögerte er nicht, solche Musik mit in sein Werk einzubeziehen. Denn im Gegensatz zu den meisten Komponisten seiner Epoche, war Reznicek kein Anhänger des Fortschrittsgedankens in Geschichte oder Musikgeschichte, sondern pflegte eine historistische Sicht der Dinge: Jede gute Musik war für ihn unmittelbar zu Gott und konnte darum auch aufgegriffen und in das eigene Werk integriert werden. Die zeitgenössischen Kritiker hatten damit oftmals Probleme, die sie mit der Rede vom musikalischen Eulenspiegel zu bewältigen suchten. In Kenntnis der Musik eines Wolfgang Rihm oder Alfred Schnittke stellt sich das anders dar: im Grunde war Reznicek eine Pionier der Polystilistik, deren eigentliche Zeit erst mit der Postmoderne gekommen war.

   Da die Aufführungsmaterialien der dritten Fassung der  Donna Diana bei Kriesende alle ausgeliehen waren, gingen diese in der letzten Kriegsphase mit den Operhäuser in Flammen auf. Einige Versuche, die Oper nach 1950 wieder zu beleben, mußten notgedrungen auf die Erstfassung von 1894 zurückgreifen und konnten umso weniger überzeugen, als Reznicek, wie alle Komponisten, deren Schaffen in das 20. Jahrhundert hineinragte und die an der Tonalität festhielten, in Zeichen der musikaischen Avantgarde als epigonal eingestuft und vergessen wurden. In Deutschland blieb einzig die Ouvertüre der Oper Donna Diana lebendig, da deren Hauptthema als Eingangsmelodie der von 1969 bis 1985 monatlich ausgestrahlten, musikalischen Quizsendung Erkenne Sie die Melodie? fungierte. Als um etwa 1980 eine Neubesinnung einsetzte und Komponsten wie Franz Schreker oder Alexander von Zemlinsky neu entdeckt wurden, hätte man sich eine ähnliche Renaissance auch für Reznicek erwarten können. Dem stand die Veröffentlichung von Fred K. Priebers Handbuch Deutscher Musiker im 1933-1945 entgegen, der darin den Vorwurf erhob, daß Reznicek ein Nazisympathisant gewesen sei.  Eine Anschuldigung, die erst in neuerer Zeit widerlegt werden konnten. Dies führte zu einem allmählichen Umdenken auch im Musikbetrieb. Erstmals seit den 1960 war Donna Diana 2003 an der Oper Kiel zu sehen. Seither folgten die szensiche Wiedergabe des Ritter Blaubart in Augsburg, des Holfernes in Bonn und die postume Uraufführung von Benzin in Chemnitz. Alle Aufführungen sind auch auf CD erhältlich oder werden in Kürze veröffentlicht. Das Label CPO hat auf mittlerweile sechs CDs die wichtigsten Orchesterwerke Rezniceks zugänglich gemacht; eine Gesamteinspielung seiner Streichquartett durch das Minguet-Quartett befindet sich in Vorbereitung. Soweit urheberrechtlich möglich wurden alle gedruckten Werke Rezniceks digiataliisert und in der Petrucci-Library eingestellt. Die recht zahlreichen unveröffentlchen Kompositionen Rezniceks werden seit 2012 von der Editio Reznicek (Wedemark) herausgegeben,

                                                                                                   (Copyright 2015 by Michael Wittmann)


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Dienstag, Dezember 07, 2010

Otto Nicolai - Ehrung 2010 (II)

Der Name Otto Nicolais war jahrzehntelang identisch mit dessen Oper "Die lustigen Weiber von Windsor". Nicht beachtet wurde, daß Nicolai ein Wunderkind und Multitalent war, dem es offen stand, als Sänger, als Dirigent oder als Komponist Karriere zu machen. Nicht beachtet wurde auch, daß er in jungen Jahren zunächst als Organist der preußischen Gesandtschaft in Rom Bekanntschaft mit der Italienischen Oper machte und sich selbst in dieser Gattung versuchte.

Bereits mit seiner dritten Oper, dem Anfang 1840 in Torino uraufgeführten "Il Templario" errang er für damalige Verhältnisse einen Welterfolg. Als er diese Oper im September 1840 an der Scala in Mailand einstudierte, erhielt er sofort den Auftrag, ein neues Werk für Mailand zu schreiben. Das Resultat war "Il proscritto", der im März 1841 zur Uraufführung gelangte. Dieser Oper war kein Erfolg beschieden, insofern die Primadonna aus persönlicher Ranküne gegenüber Nicolai ihren Part nicht aussang sondern nur nach Art einer Generalprobe andeutete. Nicolai war darüber so verletzt, daß er kurzfristig das Angebot annahm, im Frühjahr 1841 die italienische Saison am Kärtnertor-Theater in Wien zu dirigieren. Dort brachte ihm wiederum sein "Templario" die Berufung zum Chefdirigenten des Theaters ein. In dieser Eigenschaft ist er auch zum Gründer der Wiener Philharmoniker geworden. Im Jahre 1844 hat er dann den "Proscritto" zu einer deutschen Oper umgearbeitet, die in Wien unter dem Titel "Die Heimkehr des Verbannten" gespielt wurde und die zu mehr als 50% neue Musik enthielt. Auch bei späteren Aufführungen hat Nicolai immer wieder an dieser Oper gefeilt. Nach seinem 1848 erfolgten Wechsel nach Berlin (also nach Fertigstellung der "Lustigen Weiber von Windsor") hat er dann noch eine eigene Berliner Fassung erstellt, die posthum unter dem Titel "Der Verbannte" herauskam und die gerade noch 15% jener Musik enthält, die 1841 in Mailand erklungen war. Das hat die Musikkritik seinerzeit aber nicht davon abgehalten, der Oper allzugroße "Italianitá" zum Vorwurf zu machen, gegenüber der man die "deutschen" Tugenden der "Lustigen Weiber" ins Feld führen konnte.

Die Zeiten der nationalen Chauvinismen in der Operngeschichtsschreibung sind heute zum Glück vorüber und man kann anerkennen, daß Nicolai das Talent besaß, sich in zwei sehr verschiedenen musikalischen Kulturen mit bedeutsamen Werken hervorzutun. Lange Zeit freilich stellte sich das Problem, daß sowohl die Partitur des italienischen "Templario" als auch des italienischen "Proscritto" als verschollen galten. Nachdem der Verfasser dieser Zeilen schon 1989 eine Abschrift des "Proscritto" entdeckt hatte, gelang es ihm später, gleich drei Abschriften des "Templario" aufzufinden, die untereinander große Abweichungen aufweisen. Der Verfasser nahm dies zum Anlaß, eine praktische Edition des "Templario" zu erarbeiten, die die unterschiedlichen erhaltenen Varianten enthält und zugleich die Partitur im Sinne einer Editio princeps der Musikwelt erstmals zugäglich machte. Auf Grundlage dieser Partitur erfolgte dann am 7. März 2008 die moderne Erstaufführung dieser Oper am Städtischen Theater in Chemnitz. Diese Aufführung wurde live im Rundfunk übertragen und diente als Grundlage einer CD-Edition, die im September 2009 erschienen ist und vergleichsweise weite Verbreitung fand.

Als am 9. Juni 2010 die Musikwelt des 200sten Geburtstages Otto Nicolais gedachte, konnte erfreulicherweise beobachtet werden, daß das jahrzehntelang gepflegte, eindimensionale Nicolai-Bild in Bewegung geraten war. Während die Wiener Philharmoniker ihres Gründers vor allem dadurch gedachten, daß sie dessen Leistungen als Dirgent hervorkehrten und die Berliner Sing-Akademie und der Berliner Domchor (dessen Mitglied bzw. Dirigent Nicolai ja war) den Kirchenmusiker Nicolai würdigten, wurde in öffentlichen Vorträgen und im Rundfunk vielfach der italienische Opernkomponist Nicolai und dessen "Templario" vorgestellt. Das Theater Chemnitz, das mit seiner Aufführung des "Templario" diese Entwicklung 2008 angestoßen hat, wird seinen Einsatz für Nicolai am 29. Januar 2011 erneut unter Beweis stellen. Dann steht dort die moderne Erstaufführung von "Die Heimkehr des Verbannten" an, die soweit als möglich jene Gestalt des Werkes rekonstruiert, wie sie Nicolai selbst im März 1844 dirigiert hat. Grundlage dieser Aufführung ist wiederum eine vom Schreiber dieser Zeilen besorgte praktische Edition und Editio princeps, die sowohl die Wiener Fassung von 1844 als auch die Berliner Fassung von 1848 enthält. (Eine Editon der Mailänder Originalfassung des "Proscritto" ist in Arbeit).

Partitur und Orchestermaterial zu "Il Templario" bzw. "Die Heimkehr des Verbannten/Der Verbannte) sind im Eigenverlag des Unterzeichnenden erschienen und (seit Februar 2008/ bzw. ab sofort) auf dem Leihwege erhältlich. Die Editionen sind bei der VG Musikedition in Kassel angemeldet und damit gemäß § 71 Deutsches Urheberrecht geschützt.

Berlin, im Dezember 2010 Dr. Michael Wittmann

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