Montag, Mai 29, 2017

Rezniceks vermißte Werke

Die musikwissenschaftliche Befassung mit einem Komponisten nimmt idealerweise dessen Gesamtwerk in den Blick. Im Falle Emil Nikolaus von Rezniceks (1860-1945) ist dies derzeit (noch) nicht möglich. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Der zentrale Akt des Komponierens bestand für Reznicek im Einfall. Für ihn zumeist in Form einer konkreten Werkidee, nicht, wie etwa bei Beethoven, eines Motivs oder Themas. Die Umsetzung dieses Einfalls hingegen war für ihn bloße Ausübung des Kompositionshandwerkes, das er am Schreibtisch (nicht am Klavier) vollzog. (Das ist das genaue Gegenteil von Richard Strauss, der ohne Arbeit nicht leben und ein leeres Blatt Notenpapier nicht unbeschrieben zurücklassen konnte). Zumeist schrieb Reznicek ein Particell mit Bleistift, das bereits Instrumentationsvermerke enthielt. (Er hat also den Orchesterklang unmittelbar mitbedacht und nicht Klaviermusik instrumentiert). Danach schrieb er die Partitur. Dabei war er sich so sicher, daß diese Niederschrift sofort mit Tinte erfolgte. Im seltenen Fall nachträglicher Änderungen hat er die Stellen dann sorgsam überklebt.

Diese sehr spezifische Art de Komposition bedingt auch seine Sicht auf das so entstandene Werk. Es ist daher folgerichtig, daß Reznicek niemals in Versuchung kam, eine Opuszählung seiner Werke anzulegen. Und wenn heute aus praktischen Gründen seine Sinfonien und Streichquartette nummeriert werden, so stammen diese Nummern nicht von Reznicek selbst. Dem Stellenwert des Kompositionseinfalles entspricht ebenfalls, daß Reznicek so gut wie nie Kompositionsaufträge angenommen hat. Normalerweise pflegte er ein Werk zu vollenden und dann nach einer Aufführungsgelegenheit Ausschau zu halten. Fand sich diese, so wurde das Werk gespielt und eventuell auch gedruckt. Fand sich diese nicht, legte er das Werk einfach in die Schublade. So blieb denn auch ein verhältnismäßig großer Teil seines Schaffens Manuskript. Hinzu kommt, daß Reznicek über aktuell entstehende Werke nicht zu reden pflegte. Erst wenn er für das fertige Stück Aufführungsmöglichkeiten suchte, finden diese Stücke briefliche Erwähnung.

Dieser Zurückhaltung gegenüber eine Opuszählung entgegen steht eine anderer Wesenszug Rezniceks: Reznicek war von Typ her ein Sammler. Dies zeigt sich am besten daran, daß er, wiewohl erst im Alter von vierzig Jahren beginnend, zu Lebzeiten eine der größten privaten Schmetterlingsammlungen in Europa aufgebaut hat, deren Exemplare zumeist selbst gefangen und mustergültig in Schaukästen aufbewahrt waren. Auch seine erhaltenen Skizzen zeigen, daß er es nicht über sich brachte, auch nur den kleinsten Fetzen Papier zu entsorgen. Dem entspricht, daß sich nur ganz wenige Fälle dokumentieren lassen, in denen er selbst Autographe seiner Werke verschenkt hat. Und auch im Falle von gedruckten Werken bestand er nach Möglichkeit darauf, von den Verlagen die Stichvorlagen zurückzuerhalten. Zeitzeugen berichten überdies, daß er auch die an ihn gerichtete Korrespondenz sorgsam archiviert hätte. - All dies läßt den Schluß zu, daß der allergrößte Teil seiner Werke und Manuskripte in seiner Privatwohnung in Berlin-Charlottenburg eingelagert war. Genau damit beginnen aber die Schwierigkeiten.

Im Herbst 1943 wurden Rezniceks gesamte musikalische Manuskripte durch das Amt Rosenberg beschlagnahmt und zur Sicherstellung vor Bombenangriffen in einem Bergwerk in der Lausitz eingelagert. Diese Aktion wurde offenbar in großer Eile durchgeführt, so daß kein Inventar der requirierten Manuskripte angefertigt wurde. Überliefert ist lediglich, daß achtzig Einheiten (Ordner, Schachteln, gebundene Partituren?) in eine einzige große Holzkiste verpackt wurden, die dann versiegelt und abtransportiert wurde. Am Ende des Krieges fielen diese Bestände in die Hände der Roten Sovjetarmee. 1946 erhielt Rezniceks Tochter, Felicitas von Reznicek, die Kiste zurück, doch war das Siegel erbrochen und nurmehr vierzehn der Schachteln darin enthalten. Da Felicitas nach dem Krieg teilweise unter schwierigen Umständen lebte, scheint sie Teile dieser Manuskripte, ebenso wie die Schmetterlings - und Briefesammlung ihres Vaters veräußert zu haben. Die Restbestände aus der Kiste wurden 1954 bei Bote&Bock eingelagert und in den 1980er Jahren an Gordon Wright als dem Leiter der amerikanischen Reznicek-Society übergeben. Nach dessen Tod sind sie wohl nach Arved/Colorado gelangt, doch scheint die amerikanische Reznicek-Society inzwischen ihre Aktivitäten eingestellt zu haben.

Die restlichen Bestände der 1943 requirierten Manuskripte – oder besser gesagt: das was davon noch übrig war – gelangten 1957 in die Hände der Musikabteilung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Dieser Vorgang ist misteriös und bislang nicht durch Aktenbelege dokumentierbar. Formal handelte es sich um eine Schenkung Felicitas v. R. an die Österreichische Nationalbibliothek. Fest steht aber, daß die Partituren direkt aus Ostzone nach Wien gelangten. Vermutlich hat es einen Deal mit den sovjetischen Besatzungsbehörden gegeben, dergestalt, daß diese die Manuskripte freigaben, wenn diese in einer öffentlichen Bibliothek zugänglich gemacht würden. Die ÖNB hat daraufhin diese Bestände geordnet, und 1960 erschien in Zusammenarbeit mit Felicitas von Reznicek und dem damaligen Direktor der Musikabteilung, Leopold Novak, die bis heute maßgebliche Biographie Rezniceks Gegen den Strom. In späteren Jahren hat Felicitas weitere persönliche Dokumente zum Leben ihres Vaters, die 1943 ja nicht beschlagnahmt worden waren, der ÖNB als Geschenk übergeben, wo sie jetzt einen eigenen Fondo Reznicek bilden. Die ÖNB hat ihrerseits versucht, möglichst viele im internationalen Antiquariatshandel angebotene Reznicek-Manuskripte zu erwerben, so daß sie heute über die wichtigste und größte Sammlung von Reznicek-Autographen verfügt.

Ein Abgleich der Reznicke-Bestände in der ÖNB und der an die Reznicek-Society übergebenen Partituren mit den aus der älteren Literatur und aus der Tagespresse bekannten aufgeführten Werken Rezniceks zeigt indessen, daß diese zurückgegeben Partituren keineswegs alle 1943 requirierten beschlagnahmten Werke umfassen. Damit rücken jene Autographe Rezniceks in den Blickpunkt, die in den letzten Jahrzehnten im internationalen Handel aufgetaucht sind. Teilweise, etwa im Falle des Autographs der Vier Bet- und Bußgesänge läßt sich nachweisen, daß diese 1946 zurückgegeben und von Felicitas weiterveräußert wurden. Im Falle der Tragischen Symphonie läßt sich nachweisen, daß deren Autograph zwar 1943 requiriert wurde, aber definitiv 1946 zurückgegeben wurde und über dunkle Kanäle in den Antiquariatshandel gelangte. Dies läßt die Vermutung zu, daß zwischen 1943 und 1957 Teile der in der Lausitz eingelagerte Manuskripte durch das Personal entwendet und veräußert wurde. Denkbar (aber weniger wahrscheinlich) wäre auch, daß 1957 nicht alle noch vorhandenen Manuskripte nach Wien geschickt wurden und möglicherweise heute noch in irgendwelchen russischen Depots lagern. Jedenfalls besteht so die grundsätzliche Hoffnung, daß die derzeit noch vermissten Werke Rezniceks im Lauf der Jahrzehnte wieder ans Licht der Öffentlichkeit gelangen und aufgeführt werden könnten.

Auch wenn also derzeit einige bekannte Werke Rezniceks als vermißt gelten müssen, so lassen sich diese doch in einem Werkkatalog erfassen. Die eigentliche Schwierigkeit besteht jedoch in der Möglichkeit, daß Reznicek auch Werke skizziert oder komponiert haben könnte, die nicht aufgeführt und/oder auch nicht brieflich erwähnt wurden. Dafür kämen insbesondere drei Perioden seines Lebens in Frage:

1. Jugendwerke (1874-1881): Reznicek hat laut eigenen Angaben in seinen 1941 geschriebe­nen (unveröffentlichten) Memoiren ab etwa 1872 angefangen zu komponieren. Während seiner Gymnasialzeit in Marburg an der Drau (1876-78) wurden sogar einige seiner Werke bei Schulabschlußfeiern öffentlich aufgeführt. Ebenso muß er während des Unterrichtes bei Wilhelm Mayer (1878-1881) etliche Kompositionen angefertigt haben, von denen allerdings nichts erhalten ist. Das gilt auch für Studienhefte bei Mayer, die er gewiß ebenso wie Busoni oder Weingarnter geführt hat. (Deren Studiendokumente haben sich erhalten). Für solche Werke wäre denkbar, daß er Autographe oder Abschriften an Jugendfreunde verschenkt hat, die sich noch heute im Familienbesitz (vor allem Großraum Graz oder Untersteiermark [Marburg/Windisch Feistritz]) befinden könnten.
2. Aus Rezniceks Zeit als Kapellmeister des 88sten K&K Infanterieregiments in Prag (Februar 1890 – Juni 1892) haben sich einige wenige Kompositionen für Militärmusik erhalten. Einige andere sind durch Erwähnungen in Konzertprogrammen bekannt. Das dürfte aber nur ein kleiner Teil der tatsächlich verfaßten Kompositionen sein, zumal wenn man berücksichtigt, daß er in dieser Funktion wohl auch zahlreiche Arrangements fremder Kompositionen angefertigt haben dürfte. Da dieses Regiment bis Ende 1918 immer in Prag stationiert war, wäre denkbar, daß dessen Notenbestände nach dem Krieg von einer Militärkapelle der neu formierten tschechischen Armee übernommen wurden. Darüber scheint es aber bislang keine Forschungen zu geben.
3. Am Ende seiner Memoiren von 1941 deutet Reznicek an, daß er sich mit dem Gedanken trage, noch einmal ein größeres Werk in Angriff zu nehmen, das sein Schwanengesang werden solle. Gesundheitlich war er bis zu seinem Schlaganfall an Heiligabend 1943 durchaus in der Lage, zu komponieren. Für einen raschen Arbeiter, wie Reznicek, eigentlich eine lange Zeit. Und tatsächlich haben sich auch zwei kleinere Kompositionen erhalten, die Anfang 1943 entstanden sind. Allerdings war in dieser späten Phase des Krieges an Aufführungsmöglichkeiten nicht zu denken. Zudem bedingte die wachsende Papier­knappheit jener Jahre auch, daß Reznicek nurmehr sehr eingeschränkt korrespondierte. Demnach wäre sehr wohl denkbar, daß im Herbst 1943 auch Werke requiriert wurden, die seit Herbst 1941 entstanden sein könnten.

Diese Präliminarien voraus geschickt, läßt sich eine Liste derzeit nachweislich verschollener Werke Rezniceks erstellen:

Hexenszene (Macbeth) (Marburg 1878)
Chor zur Schulabschlußfeier an Gymnasium (Marurg 1878)
Klavierstück Letzte Gedanken eines Selbstmörders (Graz 1878-81)
Studiensinfonie (Graz 1878-81)
Requiem (Graz 1878-81)
Zwei Studiensinfonien (Leipzig 1881-83)
Satanella (Oper) (Prag 1888) – Partitur vermißt, (KA erhalten)
Emerich Fortunat (Prag 1889) – KA vermißt, Partitur teilweise erhalten. (Es fehlt darin die Einleitung und Ballettmusik aus dem 2. Akt.)
Sinfonische Suite Nr. 1 e-moll (Leizig 1882) – Bearbeitung für Militärorchester (Prag 1890)
Probszt-Marsch (Prag 1890) für Militärorchester. Partitur vermißt; (KA erhalten)
Der Jasminzweig (Prag 1891) chinesische Originalmelodie arrangiert für Militär­orchester
Ballettmusik aus der Oper Emmerich Fortunat (Prag 1889) – Bearbeitung für Militär­orchester (Prag 1892)
Requiem d-moll zur Erinnerung an Franz Schmeykal (Prag 1894)
Donna Diana (Oper) (Prag 1894) – Autographe Partitur (in Prachtleder gebunden) vermißt
Messe F-dur zum 50sten Thronjubiläum Kaiser Franz-Josephs (Prag 1899)
Der Bärentöter. Komische Oper nach Scribe [Reznicek/E.v.Wolzogen] (Berlin 1904)
Introduction und Valse Capriccio D-Dur für Violine und Orchester (Berlin 1906) – vermißt: Partitur und Solostimme; (Orchesterstimmen erhalten)
Bearbeitung von C. Ph. E. Bach Konzert für zwei Klavier und Orchester Es-Dur (Wq. 46 [1788]) (Berlin 1909)
Die Angst vor der Ehe. Operette [E. Urban, L. Taufstein], Frankfurt/O. 1913 – Partitur vermißt; (KA erhalten)
Kapellmeister Kreisler / Kreislers Eckzimmer – Schauspielmusik, Berlin 1922/23 –Partitur vermißt; ( Potpourrri für Klavier erhalten)
Raskolnikoff – Ouvertüre II, Berlin 1926
Till Eulenspiegel – Volksoper in zwei Teilen (Neufassung), Berlin 1934
Hoch lebe Nikisch der Große – Kanon, Berlin ca. 1920
Wiener Lied - für Maria Ivogün, Berlin ca. 1930

Sofern sich Fragen oder Hinweise zu diesen verschollenen Werken oder auch weiteren unbekannten Werken oder Werkskizzen ergeben, nimmt diese das Reznicek-Archiv (Wedemark) dankbar entgegen.

Copyright 2017 by Michael Wittmann

Labels: ,